Hier schreibe ich über Kolleginnen und Kollegen, deren Bücher mich beeindruckt haben. Meine Beiträge sind keine Rezensionen im klassischen Sinn, sie stellen vor allem meine Begeisterung dar, persönliche Annäherungen und Einschätzungen. Eben einfach meine Gedanken zu den Lieblingsautoren. Ich hoffe es macht dir Freude, dem einen oder anderen Gedanken zu folgen – ob als Empfehlung, Kritik oder Anstoß zum Nachdenken.
Cornell Woolrich (04.12.1903 – 25.09.1968)

Handelt es sich bei der Person auf der Zeichnung tatsächlich um Cornell Woolrich? Stellen wir uns nur vor, dass er so ausgesehen haben könnte? Es bleibt eine Vermutung. Die Zeichnung lebt von diesem Schwebezustand zwischen Fakt und Ahnung — genau wie Woolrich selbst. Ich selbst habe versucht, mich ihm zeichnerisch zu nähern. Aber was, wenn keines der Fotos, die im Umlauf sind, wirklich ihn zeigen? Zwei Aufnahmen wirken glaubwürdig – die anderen stammen klar aus Filmen, aus Fantasien, aus dem, was man sich unter einem Noir-Autor vorstellt. Vielleicht ist meine Zeichnung also keine Wiedergabe, sondern eine Vermutung. Ein Versuch, ihn zu erfinden – oder zu erahnen. So könnte er ausgesehen haben. So könnte er gewesen sein. Und vielleicht ist genau das die einzige Form, in der man ihm überhaupt nahekommen kann.
Ray Bradbury sagte über ihn: „Cornell Woolrich deserves to be discovered and rediscovered by each generation.“
Viele große Regisseure haben daran gearbeitet, diese Aussage umzusetzen, indem sie Woolrichs Stoffe verfilmt oder sich von ihnen haben inspirieren lassen: François Truffaut mit Die Braut trug Schwarz, Alfred Hitchcock mit Das Fenster zum Hof, Rainer Werner Fassbinder mit Das Geheimnis der falschen Braut. Sie alle waren vom Meister der Spannung so fasziniert, dass sie ihm mit ihren Filmen ein Denkmal setzten. Ich stimme mit diesen Regisseuren in der Begeisterung für seine Werke völlig überein. Sobald ich eine seiner Geschichten zu lesen beginne, gelingt es mir nicht mehr das Buch aus der Hand zu legen. Cornell Woolrich bleibt für mich immer einer der ganz Großen der „schwarzen Serie“. Man könnte ihn geradezu den Meister der Dunkelheit nennen. Der Stil seiner Romane ist düster, präzise und psychologisch geladen. Deshalb prägte man für seinen Schreibstil auch den Begriff „emotional thrillers“. Seine Bücher sind der Inbegriff der Hard-boiled-Krimis, auch wenn es bei ihm nie nur um Verbrechen geht, sondern um Angst, Schuld, Sehnsucht und den verzweifelten Versuch, dem Schicksal zu entkommen. Schon seine Buchtitel wirken wie Versprechen. Nie fehlen Begriffe, die auf Tod und Untergang hinweisen: The Black Curtain, The Black Alibi, The Black Angel, The Black Path of Fear, Rendezvous in Black, I Married a Dead Man, Deadline at Dawn. Sie lesen sich wie Variationen über dieselbe Obsession: die Dunkelheit, die uns verfolgt und die jeder in geheimen Momenten in sich selbst entdecken kann.
In den US-Ausgaben seiner Bücher stößt man manchmal auf den Hinweis: Copyright 1971 by Chase Manhattan Bank – renewed. Das klingt zunächst nach einer jener Legenden, die sich um Autoren mit tragischem Leben ranken. Ein verschwenderischer Schriftsteller, dessen Geld in dunklen Kanälen verschwindet, ein Konto, das am Ende die Bank verwaltet. Die Wahrheit ist prosaischer aber ebenso faszinierend. 1968 verstarb Woolrich allein, ohne Familie. Sein literarischer Nachlass ging in eine Treuhand über und wurde von der Chase Manhattan Bank verwaltet, mit der Columbia University als Begünstigter. Als 1969 die Erneuerungsfrist für das Copyright seiner Kurzgeschichte It Had to Be Murder, die als Vorlage für Rear Window, anstand, ließ die Bank die Rechte erneuern. Also war nicht Romantik die Ursache, sondern juristischer Präzision: Woolrich hatte die Filmrechte in den 1940ern abgetreten, starb jedoch, bevor die Erneuerungsperiode begann und damit fielen die Rechte automatisch an seine Treuhand. Kein verprasstes Vermögen also, sondern ein Nachspiel aus Verträgen, Paragraphen und Lizenzgebühren. Doch selbst darin steckt etwas für Woolrich typisches: Misstrauen, mit Nachwirkung über den Tod hinaus, die Ungewissheit, wem etwas wirklich gehört.
Das Geheimnis um ihn geht noch weiter. Heute ist es fast unmöglich, ein Porträt von im zu bekommen. Selbst in Zeiten von Suchmaschinen ist es, als wenn man das Gesicht eines Unsichtbaren finden will. Wer nach Fotos von Cornell Woolrich sucht, gerät in ein Labyrinth. Woolrich mied die Öffentlichkeit, lebte zurückgezogen in Hotelzimmern mit seiner Mutter, ließ sich kaum fotografieren. So wurde sein Gesicht fast so rätselhaft wie seine Figuren, oft verzerrt durch Schatten, Projektionen, falsche Etiketten. Nur wenige Aufnahmen gelten als echt, eine Handvoll unscharfer Studiofotos aus den 1930ern, eine spätere Aufnahme, müde, kränklich, mit Zigarette. Der Rest: Fehlzuordnungen, Schauspielerporträts, Symbolbilder. Er war immer jemand, der sich hinter seinen Geschichten verbarg. Deshalb erscheint es folgerichtig, dass heute mehrere völlig unterschiedliche Gesichter als „Cornell Woolrich“ im Netz kursieren. Vielleicht hätte er genau das gewollt.
Als ich an einem meiner eigenen Texte arbeitete, nach einer Formulierung für Dunkelheit, für Schatten und die feinen Zwischentöne zwischen Angst und Erkenntnis suchte, musste ich an ihn denken. An diesen Mann, der die Finsternis kannte wie kaum ein anderer und sie mit wenigen, einfachen Worten zum Leben erweckte. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse, die man beim Schreiben erlebt. Immer dann, wenn man manchmal das Gefühl hat, er beugt sich einem über die Schulter, flüstert einen Satz, ein Bild, einen Rhythmus. Cornell Woolrich bleibt für mich der Mann, der uns lehrt, wie nah Licht und Dunkel beieinander liegen – und dass beides von innen kommt.
Ed McBain (15.10.1926 – 6.07.2005)

Oder besser gesagt: Evan Hunter, sein eigentlicher Name.
Ein Mann mit vielen Pseudonymen – aber für mich wird er immer Ed McBain bleiben.
Sein erster Roman erschien 1952, in meinem Geburtsjahr. Kurz darauf schrieb er die Romanvorlage für den berühmten Film Saat der Gewalt, der ihn über Nacht bekannt machte. Doch seine wahre literarische Heimat fand er in einer Serie, die mich bis heute beeindruckt: den Romanen um das Polizeirevier 87.
Über fünfzig Bände umfasst diese Reihe – und sie ist weit mehr als klassische Polizeiarbeit. McBain hat eine ganze Stadt erfunden, eine fiktive Metropole mit guten und schlechten Vierteln, Straßen, Brücken, Flüssen, einem eigenen Klima. Diese Stadt lebt – über Jahrzehnte, durch die Bücher hinweg. Und das mit einer Konsequenz, die ich nur bewundern kann. Er muss eine riesige Karte gehabt haben, auf der er alles festgehalten hat. Eine literarische Welt, die so real wirkt, dass man sie zu kennen glaubt.
Was mich besonders fasziniert: seine Figuren. Keine Helden, sondern Menschen. Polizisten, die zweifeln, irren, scheitern – und trotzdem weitermachen.
In dieser Mischung aus Menschlichkeit und Präzision liegt für mich das Geheimnis seines Erfolgs.
Und dann gab es da noch die Fernsehserie, die auf der „87th Precinct“-Reihe basierte. Ich erinnere mich gut daran – als Kind habe ich sie gesehen, fasziniert von der rauen Atmosphäre und den Charakteren, auch wenn ich damals noch nicht ahnte, wie stark mich McBains Bücher später fesseln würden. Die Serie mag heute überholt wirken, aber sie trug wesentlich dazu bei, McBain einem breiten Publikum bekannt zu machen.
McBain hat über hundert Bücher geschrieben, viele unter verschiedenen Namen. Aber das 87. Revier ist sein Vermächtnis.
Er hat gezeigt, dass man Spannung und Realismus vereinen kann, ohne den Leser zu verlieren – und dass eine erfundene Stadt glaubwürdiger sein kann als manch echte.
Ich werde später vielleicht noch etwas über die wiederkehrenden Figuren dieser Reihe schreiben, denn auch sie verdienen es, einzeln vorgestellt zu werden.
Aber fest steht für mich: Ed McBain gehört zu den ganz Großen.
